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Rezensionen online:
Wolfgang Tischer von literaturcafe.de hat ein ausführliches Audio-Interview mit dem Autor gemacht.
Vera Schwarz hat eine Rezension auf Readers Edition veröffentlicht.
Johannes Grenzfurthner hat auf der Homepage von fm4 ein Interview mit dem Autor veröffentlicht.
Podcast:
Nachttaxi
Blog:
Lyrikmaschine - der Blog
Stilus Anmerkungen zum Gebrauch der Sprache
– Kaugummi habe ich auch gehabt –
Ich bin Fahrer gewesen für eine Callgirl-Agentur.
Ich habe die Mädchen zu ihrem Job gebracht und sie wieder nach Hause gefahren. Ich habe das Geld von ihnen kassiert und es mit der Agentur abgerechnet. Im Auto habe ich immer Kondome gehabt, 5 Stück für einen Euro, für den Fall, dass sie einem Mädchen ausgehen. Und halterlose Strümpfe, braune und schwarze. Das wird häufig verlangt, und dann ist oft keine Zeit, dass ein Mädchen zwischen zwei Jobs nach Hause fährt und sich umzieht. Ich habe auch immer Marlboro Light im Auto gehabt, dabei rauche ich gar nicht. Die Mädchen waren dankbar dafür, wenn ihnen die Zigaretten ausgegangen sind, die meisten rauchen viel zu viel, und ich war froh, wenn ich es eilig gehabt habe, dass ich nicht wegen Zigaretten habe halten müssen. Kaugummi habe ich auch gehabt für die Mädchen, oder Pfefferminzzuckerln. Heutzutage wird von den Mädchen erwartet, dass sie küssen. Das hat es früher nicht gegeben, eine Hure küsst nicht, hat es geheißen. Und Schmerztabletten, Dolofort. Wenn ein Mädchen den dritten Tag Zahnweh hat und noch immer nicht zum Zahnarzt will, dann sind Aspirin zu schwach.
Für einen Job habe ich 20 Euro bekommen.
Das Büro ist in einem schäbigen alten Mietshaus im 10. Bezirk gewesen. Da ist es noch immer. An der Tür ist kein Schild, nur oben auf den Türstock hat jemand mit Kugelschreiber die Türnummer hingekritzelt. Die Tür ist meistens offen, Tag und Nacht.
„Ich komme wegen der Chauffeur-Stelle.“
„Ich weiß“, hat die Frau am PC gesagt und mich zu sich gewinkt. „Hallo. Wir sind hier alle per du, ich bin die Jolanta. Das ist meine Agentur.“
„Ich bin der Martin.“ Ich habe meinen richtigen Namen gesagt. Je weniger ich lüge, um so sicherer, habe ich mir gedacht..
„Setz dich!“ sagt Jolanta. „Der Gerd kommt gleich. Der kümmert sich um die Fahrer. Du bist Taxifahrer?“
„Nein, nein.“
„Aber du bist Wiener, ja, du kennst dich aus?“
„Ich hab immer in Wien gelebt.
„Und was hast du vorher gemacht?“
„Homepages programmiert und so Sachen.“
„Na siehst du, das ist auch mein Job. Ich bin Computertechnikerin im Zivilberuf.“
In einem von den zwei Fauteuils ist die Telefonistin gesessen, vor sich fünf Handys, die abwechselnd gefiept und gepiepst und gesummt und gezwitschert haben:
„Belvedere-Escort, einen schönen guten Tag! – Ja, wir machen Haus- und Hotelbesuche. Oder du kannst dich auch mit einem unserer Mädchen in einer Privatwohnung treffen. – Eine Stunde kommt dich auf 120 Euro plus 20 Euro Fahrtspesen. – Ja, auch in der Wohnung, das Mädchen muss ja da genau so hinfahren, wie wenn sie zu dir kommen würde. – Na freilich. – Da ist dabei Busenerotik, erotische Massagen, gegenseitiges Französisch, Verkehr in deinen Lieblingsstellungen, eben alles was so Spaß macht im zärtlichen Bereich. Selbstverständlich wirst du auch mehrmals verwöhnt. – Ja, Naturfranzösisch bieten auch fast alle Mädchen an, das wäre dann ein Aufpreis von 30 Euro! – Bitte, gerne, selbstverständlich, kein Problem!“
Jolanta ist sehr beeindruckend. Sie ist mittelgroß und ziemlich füllig, hat ein breites, freundliches und hübsches Gesicht und herrliches brünettes Haar. Meistens trägt sie schwarz. Wenn sie redet, hört man noch ein bisschen den polnischen Akzent.
„Wie gefällt dir das Foto da? Irgendwie hat’s was, nicht?“
Ein schwarzhaariges zartes Mädchen ist da auf dem Bettrand gesessen mit lila geschminkten Lippen und blau umschatteten Augen, hat die Schultern hängen lassen und ein bisschen krampfhaft an der Kamera vorbei geschaut. Sie hat ein weißes Unterhöschen angehabt und ein schwarzes, transparentes Negligé, das vorne offen gewesen ist und den Blick auf die kleinen Brüstchen freigegeben hat. Neben das Bild hat Jolanta geschrieben:
Sprachen: englisch, rumänisch
Alter: 19
Größe: 165
Maße: 85/70/80
BH 75 B
Konfektion: 36
Haare: schwarz
Augen: braun
Und oben drüber:
Lilli – noch sehr unerfahren, aber irrsinnig süß.
Zwischendurch hat sich Vera eingemischt: „Da hab i a Beschwerde von an Kunden über die Celine. Die ist total zimperlich, sagt er, da lasst sie sich net angreifen und da auch net...“
„Ah ja! Ich sag dir, man macht was mit mit manchen Mädeln. Eine hab ich grad rausschmeißen müssen, eine Rumänin natürlich, die hat fünfzig Euro Aufpreis verlangt für Französisch, aber mit Gummi! Ich mein, was ist das?“
„Und mit den Behörden kommt ihr aus?“ habe ich Jolanta gefragt.
„Schau: Wir sind Steuerzahler. Und die Mädchen haben einen Vertrag unterschrieben, wo steht, dass sie keinen Sex anbieten dürfen. Ein paar haben wir auch, die dürfen alles anbieten, weil sie zur Kontrolle gehen. Wenn du deine Steuern zahlst, ist alles okay, mehr wollen die nicht wissen.“
Dann ist der Gerd hereingekommen.
„Hi!“
Wenn der Gerd „Hi!“ sagt, klingt das wie „Stillgestanden!“
Der Gerd ist ein bisschen zu kurz geraten. Unser Napoleon, sagt die Vera. Sie hat nichts übrig für kleine Männer.
„Hallo. Ich bin der Gerd.“
„Martin.“
„Hast du ihm die Regeln schon erklärt?“ fragt er Jolanta.
„No, alles, bis auf das, was ich vergessen hab.“
„Also pass auf: Die Mädels sind keine Huren, ja? Sie sind respektvoll zu behandeln. Anbandeln gibt’s nicht, private Beziehungen zu den Mädchen sind verboten. Steht im Vertrag drin, Paragraf sieben. Alkoholisiert fahren ist ein Kündigungsgrund. Und keine Angst, so was hör ich schon von den Madeln! Die Mädels geben dir das Geld, abzüglich ihrem Anteil, du rechnest mit der Agentur ab. Und zwar spätestens am nächsten Tag. Eine Stunde kostet 140,-, davon behalt sich das Mädchen 60,- und 20,- gehören dir. Für jede weitere Stunde kriegt das Mädchen 50,-. Extras gehören den Mädchen, Französisch ohne und solche Sachen. Führerschein hast? Zeig her! Bist du Taxi g'fahrn?“
„Nein, aber ich kenn mich aus in Wien.“
„Na, des seh' ich dann schon! Und Englisch kannst? Weil bei uns geht nix ohne Englisch, die halben Madln versteh'n ka Deutsch. Gib ihm a Listen mit den Madeln!“
Vera hat mir einen Computerausdruck aus einer Ablage herausgesucht. Es waren immerhin zwei Seiten mit Vornamen, Adressen und Telefonnummern. Später sind es vier Seiten geworden.
„Da, unterschreib den Vertrag.“
„Ach, Verträge gibt’s auch?“
„Nur zur Sicherheit.“
In dem Vertrag ist gestanden, dass kein Anstellungsverhältnis besteht, dass ich für die Versteuerung selber aufzukommen habe und zur Verschwiegenheit verpflichtet bin. Nichts Besonderes. Also habe ich unterschrieben.


Fünf Monate lang hat der Schriftsteller Martin Auer bei einer der größten Wiener Callgirl-Agenturen – deren Besitzerin inzwischen wegen mutmaßlichen Menschenhandels in Untersuchungshaft musste - als Fahrer gearbeitet und aufgeschrieben, was er dabei erlebt hat und was ihm die Mädchen während der Fahrt von einem Kunden zum anderen erzählt haben. Herausgekommen ist ein packender Bericht über den wirklichen Alltag der Callgirls, ohne Sensationshascherei, tragisch und komisch und manchmal skurril. Hier einige Auszüge.
Erschienen im LIT Verlag
305 S. 24.90 EUR, br., ISBN 3-8258-9939-X